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Gemeindenachricht

Fritz-Kiehn-Straße soll umbenannt werden


In seiner letzten Sitzung hat der Gemeinderat mehrheitlich beschlossen, die Fritz-Kiehn-Straße umzubenennen. An dieser Stelle sollen einige Fakten und Hintergründe aufgeführt werden, die den Gemeinderat zu seiner Entscheidung bewogen hat. Gestützt hat sich der Gemeinderat im Wesentlichen auf das im Jahr 2000 erschienene Buch über Fritz Kiehn der Tübinger Wissenschaftler Hartmut Berghoff und Cornelia Rauh-Kühne:
Fritz Kiehn wurde 1885 geboren und gründete nach dem Ersten Weltkrieg in Trossingen die Efka-Werke, die Zigarettenpapier herstellten. Hierbei hatte er einen gewissen Erfolg, was dem egomanisch und geltungssüchtig veranlagten Unternehmer aber nicht genügte. Mit dem Aufkeimen des Nationalsozialismus sah er seine Chance, politischen Einfluss zu gewinnen und sich diesen wirtschaftlich zunutze zu machen. Neben diversen NS-Parteiämtern war er auch Reichtagsabgeordneter der NSDAP (1932-1945). Dabei pflegte er ganz bewusst Kontakt zur Führungsebene der Nazis und sogar der SS, die bei ihm ein und aus gingen. Kiehn kann also keinesfalls als Mitläufer, sondern vielmehr als überregionale Nazi-Größe bezeichnet werden.
In Trossingen ging Kiehn als NSDAP-Ortsgruppenleiter rücksichtslos gegen fast alle Mandatsträger vor, die nicht der NSDAP angehörten. Er entfernte sie 1933 von ihren Ratssitzen und besetzte die vakanten Ratssitze in seiner Funktion als Kreisinspektor nach seinem Gutdünken mit Nationalsozialisten. Auf sein Betreiben hin wurde in Trossingen ein SS-Ausbildungslager errichtet, mit dem er seine Machtbasis sicherte. Er selbst trug einen SS-Offizierstitel und pflegte den Kontakt mit Heinrich Himmler.
 
Mit fragwürdigen und korrupten Methoden gelang es ihm, einige Firmen weit unter Wert zu übernehmen, indem er seine NS-Kontakte nutzte. Er darf daher mit Fug und Recht als Arisierungsgewinner bezeichnet werden, der Kapital aus der Enteignung von jüdischem Firmenbesitz schlug.
Trotz der Tatsache, dass Fritz Kiehn zahlreiche NS-Parteiämter inne hatte und sich nachweislich vor und während des Zweiten Weltkriegs eben durch seine Stellung im NS-System bereichert hatte, wurde er im Entnazifizierungsprozess 1949 als „minderbelastet“ eingestuft – ein aus heutiger Sicht nicht nachvollziehbares Urteil. Nach fast vierjähriger Internierungshaft - der längsten, die im Land Württemberg verbüßt wurde -, durfte sich der Fabrikant glücklich schätzen, dass der Entnazifizierungselan der frühen Nachkriegszeit mittlerweile einem prinzipienlosen Pragmatismus gewichen war. Die Spruchkammer erklärte den prominenten NS-Funktionär zum "Minderbelasteten", beließ ihm - weil es Arbeitsplätze und Steuerkraft zu erhalten galt - sein Trossinger Unternehmen, sah von einem Berufsverbot ab und verhängte lediglich eine Geldstrafe.
 
Da Kiehn wie eingangs beschrieben einen ungeheuren Geltungsdrang hatte, versuchte er wieder zu wirtschaftlichem Erfolg und gesellschaftlichem Ansehen zu kommen. Dies gelang ihm überraschend schnell, nicht zuletzt durch erneut geknüpfte politische Kontakte und daraus folgend einen Landeskredit in Millionenhöhe – einer der ersten Subventionsskandale der jungen Bundesrepublik. Durch erneut gut gepflegte Kontakte in entsprechende gesellschaftliche Kreise und durch hohe Geldspenden wollte er seine Reputation wieder herstellen. Auch hierbei war er erfolgreich, was Gemeinderatsmandat und wiederhergestellte Ehrenbürgerwürde (die im Jahr 2000 aber erneut aberkannt wurde) in Trossingen sowie andere Ehrentitel belegen. Zu seinen Verbrechen während der NS-Zeit stand er nie. 1950 tat er Berichte über seine Rolle in der NS-Diktatur vielmehr als „Kübelschmutz“ ab und fabulierte von seinem angeblichen Kampf gegen die NSDAP. So wurde dieses Thema in Trossingen und in seinem Betrieb zum Tabu.
 
Die Verbindung zwischen Fritz Kiehn und der Gemeinde Deißlingen beginnt erst nach dem Krieg. Auf der Suche nach dringend benötigten Arbeitskräften für seine Efka-Werke war Kiehn auch bald im Umland präsent und gründete auch in Deißlingen ein Zweigwerk. Dabei war er wiederum auch in Deißlingen um gute Kontakte bemüht, die er mit dem damaligen Bürgermeister Reuter pflegte. Dies führte dazu, dass Kiehn im Jahr 1961 eine Spende für den Neubau des Kindergartens tätigte, mit der die künstlerische Ausstattung sowie das Mobiliar der Schwesternwohnung finanziert wurde. Der Betrag belief sich auf 15.000 DM – bei Baukosten für den gesamten Kindergarten von 300.000 DM. Der Gemeinderat bedankte sich für diese Spende im Gegenzug mit der Benennung der Straße, die zum Kindergarten führte. Strafrechtlich ließ sich Kiehn nichts mehr zu Schulden kommen; er trat nicht nur in Trossingen, sondern auch im Umland immer wieder als Mäzen und Spender auf.